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Coaching für den Mittelstand: Sinn oder Unsinn?

Dipl. Päd. Brigitte Melzig - Juni 2003 - www.systemisches-arbeiten.de

Kleinen und mittelständischen Unternehmen fehlt es nicht selten an klaren Visionen und Konzepten für die Zukunft. Vieles bleibt über dem Alltagsgeschäft dem Zufall überlassen. Ein Zustand, der angesichts sich stetig wandelnder Märkte leicht zum Verhängnis werden kann.
Coaching leistet wertvolle Hilfe, um notwendige Kurskorrekturen in einem Betrieb vorzunehmen und sich erfolgreich zu positionieren. Organisationsberaterin Brigitte Melzig sieht Unternehmen als lebendige Systeme, die sich kontinuierlich verändern und auf immer schnellere Lernprozesse einstellen müssen. Ein Coach auf Zeit begleitet professionell die gewünschte Entwicklung oder Neuorientierung.


Worauf sollten kleine und mittelständische Unternehmen bei ihrer Personalentwicklung achten, um sich erfolgreich zu positionieren?

Es geht im wesentlichen um zwei Dinge: einmal den individuellen Kontakt zum Kunden professionell pflegen. Das heißt, Kundenkontakte gezielt angehen und ausbauen, überprüfen, welche Wünsche hat der Kunde, wie könnte er gut oder besser bedient werden.
Den anderen Schwerpunkt sehe ich in der Unternehmenskultur: Wie geht man auf Sie zu, wenn Sie in ein Geschäft oder einen Betrieb kommen? Sind die Mitarbeiter freundlich oder kurz angebunden? Gehen Sie lieber erst am nächsten Tag hin, weil da der nette Herr Sowieso wieder bedient? Der Ton, das Verhalten und Auftreten der Beschäftigten, die gesamte Atmosphäre spielen eine große Rolle.


Wie es um die Unternehmenskultur bestellt ist, hängt stark von der Führung ab...

Ja. Große Unternehmen haben zwangsläufig eine Führungskultur, sonst wären sie gar nicht zu führen. In mittelständischen Unternehmen wird dieser Faktor häufig vernachlässigt. Das, was entstanden ist, ist es.


Wie wirkt sich diese "zufällige" Führungskultur in mittelständischen Unternehmen aus?

Visionen sind oft zufällig. Viele mittelständische Unternehmen kranken daran, dass sie keine Vision für die Zukunft entwerfen. Sie sind noch mit dem verhaftet, was der Gründer eingeführt hat, auch wenn es schon den zweiten oder dritten Nachfolger gibt. Nur haben sich die Märkte aufgrund der Globalisierung und des gewaltigen technologischen Fortschritts gravierend verändert. Alles hat sich beschleunigt. Viele haben sich diesem Rhythmus noch nicht angepasst, sind immer noch auf Bewahren ausgerichtet und nicht auf Neues.


Ist die Personalführung in kleinen und mittelständischen Unternehmen eher überholt?

Sie ist oft nicht überlegt. Es gibt häufig keine klaren Konzepte. Der "Patriarch," der dem Unternehmen feste Strukturen gab, existiert heute nicht mehr. Gleichzeitig ist aber nichts Neues an die Stelle getreten. In mittelständischen Unternehmen herrscht Nachholbedarf in den Bereicen betriebswirtschaftliche Analysen, Marketing, Logistik. Nachholbedarf sehe ich auch bei den soft skills: Wie gehe ich mit meiner Rolle als Geschäftsführer um? Wie verhalte ich mich zum Beispiel bei Konflikten, die meine Führungskräfte haben, die in meinen Abteilungen schwelen? Auf diesem Feld wird viel vernachlässigt.
Der Mittelstand muss heutzutage sehr stark sparen und mit einer dünnen Personaldecke fahren. Wenn es da kriselt, geht es wirklich an die Substanz.


Was kann Coaching hier leisten?

Coaching, so wie ich es verstehe, ist Personalentwicklung. Coaching unterstützt die Geschäftsführung dabei, Strategien zu entwickeln, u. a. auch im Umgang mit Kunden. Es geht um die Menschen in einem Betrieb und wie sie am besten miteinander arbeiten, um erfolgreich ihren Job zu machen.


Geht es nicht auch um eine bessere Identifizierung mit dem Unternehmen?

Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten ist es wichtiger denn je, sich auch als Unternehmer im Unternehmen zu begreifen. Das Unternehmen allein als Versorgungsinstanz funktioniert einfach nicht mehr. Coaching ist ein gutes Instrument, um unternehmerisches Denken bei den Mitarbeitern zu fördern. Und der Kunde wird ganz stark mit einbezogen. Über den Kunden kommt ja das Geld rein. Wer zahlt, schafft an.


Wie kann der Mittelstand hinsichtlich "Kundenpflege" punkten?

Kleine und mittelständische Betriebe können aufgrund ihrer Größe flexibler handeln, auf Kunden individueller zugehen. Sie können sich, im Gegensatz zu Großunternehmen, mehr Zeit für den Kunden nehmen und seine Wünsche individuell bedienen. Hier kann Coaching viel leisten, die Beziehung zu Kunden besser herauszuarbeiten.
Es ist ja auch so, dass der Mittelstand die meisten Arbeitsplätze stellt. Der Mittelstand prägt unsere Kultur - über die Produkte, über die verschiedenen Dienstleistungen.


Es geht also darum, diese mittelständische Kultur besser zu pflegen...

...und zum Blühen zu bringen, diese mittelständische Identität zu bewahren. Darunter verstehe ich, sich nicht um jeden Preis jeder Mode anpassen, trotzdem aber offen zu sein für Veränderungen.


Was kann ein Coach von außen leisten?

Ein externer Berater steht in keinem Konkurrenzverhältnis. Er ist neutral und kann die Dinge anders sehen. Wenn ich dagegen selber in dem Unternehmen tätig bin, nehme ich manches nicht mehr wahr. Da ist vieles normal für mich, ich habe mich daran gewöhnt. Jemand von außen bringt einen anderen Blick, andere Gedanken mit. Er stellt andere, neue Fragen.


Wie ist der systemische Ansatz Ihrer Arbeit zu verstehen?

Es geht nicht darum, auf einem bestimmten Problem herumzureiten oder sich dafür einen Schuldigen zu suchen. Es geht darum zu überprüfen, wie was zusammenwirkt und welche Auswirkungen damit verbunden sind.


Bitte ein Beispiel dazu...

Kommen wir noch einmal auf den 'Patriarchen'. Vor 20, 30 Jahren war dieser Führungstyp üblich und alle waren damit einverstanden. Der Chef ist der Chef, was der sagt, wird gemacht. Da würde ich systemisch überhaupt nicht eingreifen, weil das damals so passte. Wenn ich allerdings heute auf einen 'Patriarchen' stoße und gleichzeitig auf viele eigenständige Mitarbeiter, kann ich sicher sein, dass es Konflikte und Spannungen gibt. Nun geht es nicht darum, der einen oder anderen Seite die Schuld zuzuschieben. Vielmehr haben wir hier ein System, das nicht besonders läuft. Was ist zu tun, damit das Zusammenspiel gut funktioniert?


Wie gehen Sie hier als externer Coach vor?

Nehmen wir einen konkreten Fall. Eine Geschäftsführerin übernimmt von ihrem Vater, der noch in der Firma ist, den Familienbetrieb mit 50 Leuten. Sie möchte das Unternehmen nach ihren Vorstellungen umstrukturieren. Einerseits will die Tochter die Tradition wahren, andererseits den Betrieb aber modernisieren. Der Vater ist so ein 'Patriarch'. Hier sucht sie nun Unterstützung: "Wie führe ich mein Personal?" Sie will es anders machen, ist sich aber unsicher, was es überhaupt an Führungsstilen gibt. Wie wirken sich die aus? Wie führe ich die ein? Wie führe ich Besprechungen, Mitarbeitergespräche? Wie gehe ich mit Konflikten um? Was mache ich mit Mitarbeitern, die dem Unternehmen schaden?


Und die Lösung?

Der Vater, der sich vorher noch relativ oft eingemischt hat, zog sich zurück. Seine Tochter führte feste Gesprächstermine ein, Besprechungen mit den Führungskräften. Die Mitarbeiter wurden geschult, z.B. im professionellen Umgang mit Kunden. Als externer Coach wurde ich einmal auch als Moderatorin bei einem Konflikt hinzugezogen, weil die Geschäftsführerin als Beteiligte nicht neutral sein konnte.


Wie finden Führungskräfte neben dem Alltagsgeschäft genügend Zeit, Visionen zu entwickeln, um ein Unternehmen vorausschauend und erfolgreich zu lenken?

Geschäftsführungen müssen ihrem Alltag mehr Struktur geben, um Zeit zum Planen zu haben. Ich helfe oft dabei zu überlegen, was kann, was muss delegiert werden, aber auch, was ist nicht delegierbar. Planen ist wichtig, damit auch wieder Freiräume entstehen.


Worauf sollten Unternehmen bei der Auswahl eines Coachs achten?

Auf eine fundierte Ausbildung, am besten Hochschulabschluss im geisteswissenschaftlichen oder betriebswirtschaftlichen Bereich und eine Coaching-Ausbildung; schließlich geht es nicht nur um Zahlen, sondern auch um soft skills. Ein Coach sollte unabhängig sein. Ein Kunde sagte mir einmal, "für mich ist es wichtig, dass Sie auch selbstständig sind, damit Sie überhaupt nachempfinden können, worum es bei uns geht". Ein Coach muss zuhören können, verstehen. Er muss genügend Demut haben, den Kunden die Dinge entwickeln zu lassen, weil der Kunde der Kundige ist.
Als Coach begleite ich den Kunden durch den Dschungel, laufen muss er selber.


Wer profitiert von Coaching?

Nicht nur die Geschäftsführung. Ab einer bestimmten Unternehmensgröße ist es auch ganz gut, einen Coach für das mittlere Management zu haben, vor allem, wenn dieses den Spagat vollführen muss, einerseits Vorgesetzter zu sein, andererseits Kollege, der den Job selbst mitmacht.
Coaching leistet auch wertvolle Hilfe, wenn es um Fragen der Unternehmensnachfolge geht.


Wie lange dauert ein Coaching?

In der Regel rechnet man mit bis zu 10 Doppelstunden à 90 Minuten.



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